
In den ersten Wochen nach der Operation können Ihnen intensive emotionale und körperliche Reaktionen zu schaffen machen, die aber durchaus zu bewältigen sind. Ihr Körper und seine Funktion werden sich durch die Operation ändern. Die sich daraus ergebenden ebenso verständlichen wie berechtigten orgen und Ängste können Ihnen in den ersten Wochen und Monaten einige Schwierigkeiten bereiten.
In dieser Situation hilft es, wenn Sie Ihre Gefühle, Schmerzen, Zorn und Niedergeschlagenheit zum Ausdruck bringen und auf diese Weise verarbeiten. Das Ganze mag Ihnen wie ein riesiger Berg vorkommen, dessen Bezwingung Ihnen aber auf der anderen Seite ein Leben bringt, das bestimmt nicht zu verachten ist.
Die folgenden Ratschläge und Gedanken sind in Zusammenarbeit mit dem Medizinsoziologen Prof. Michael Kelly entstanden, um Ihnen einen Wegweiser durch die emotional schwierige Zeit nach der Operation zu geben.
Natürlich werden Sie sich fragen, wie andere Menschen auf Ihr Stoma reagieren. Diese Frage stellen sich alle, die ein Stoma bekommen.
Weil Sie sich selbst vermutlich verunsichert und schockiert fühlen, liegt der Schluss nahe, dass es Ihren Mitmenschen ähnlich gehen dürfte. Eine der wichtigsten Fähigkeiten besteht im Dialog und Austausch mit anderen Menschen.
Zu dieser Interaktion gehört die Art und Weise, in der Sie sich bewegen und Ihren Körper präsentieren. Dabei setzen Sie Ihren Körper sowohl für das Aussenden als auch für das Empfangen von Signalen ein. Ihre Körpersprache verrät, wie Sie das Verhalten anderer aufnehmen, und zugleich Ihr Verhalten, Ihre Einstellung gegenüber anderen.
In der ersten Eingewöhnungszeit fassen manche Stomaträger ihr Stoma als bedeutsame Barriere im Umgang mit anderen Menschen auf. Dafür gibt es mehrere Gründe. Unmittelbar nach der Operation kreisen Ihre Gedanken nur um das Stoma. Sie machen sich Gedanken darüber, ob andere Menschen ihr Stoma riechen oder den Stomabeutel durch die Kleidung sehen können.
Normalerweise ist der Beutel durch die Kleidung nicht zu sehen. Da er jedoch noch ungewohnt für Sie ist, wird er Ihnen größer vorkommen, als er tatsächlich ist. Die Stomaversorgung ist so unauffällig, dass sie kaum jemandem auffällt, und wenn doch, äußerst selten als Stomaversorgung entschlüsselt werden kann. Aber die Stomaversorgung ist nun mal da und lässt sich nicht vollkommen verleugnen, was für manche Stomaträger ein Problem und Grund zur Besorgnis ist.
Der Geist ist etwas Wunderbares. Er kann sich Dinge ganz anders vorstellen, als sie in Wirklichkeit sind.
Denken und abstrahieren zu können gehört zu den grundlegenden Fähigkeiten des Menschen. Wie auch die aktive Gestaltung unserer Umwelt.
Unser Geist und unsere Psyche sind stark vom körperlichen Wohlbefinden beeinflusst. Beeinflusst wird auch das Bild, das wir von unserem Körper haben, sowie unsere Vorstellungen von dem,was unser Körper kann. Körper- und Selbstwertgefühl sind also eng miteinander verknüpft.
Wir alle haben ein geistiges Bild von unserem Körper, das mehr als Größe und Form beinhaltet. Es fasst die emotionale und physische Wahrnehmung unseres Körpers zu einem Ganzen zusammen und bezieht auch die Freuden und Schmerzen des Menschseins mit ein.
Essen, Trinken, Sex, Lachen, Schlafen, Rausch, Erschöpfung,Angst und Schmerzen, die Geburt eines Kindes,Verliebtsein und Trauern – all das sind ebenso körperliche Erfahrungen wie das Arbeiten oder der Gebrauch von Werkzeugen.
Diese Erfahrungen und Aktivitäten sind in unterschiedlicher Weise von Körperempfindungen begleitet: Bauchweh, Tränen, Seufzer, Geschmack, Geruch etc.
Die Stomaoperation stellt eine grundlegende Veränderung Ihres Körpers dar. Entsprechend stark sind die nach der Operation auftretenden emotionalen Reaktionen. Der ebenso schlagartige wie bedeutsame Eingriff in Ihren Körper kann aus vielfältigen Gründen starke Gefühle hervorrufen.
Ihr Körper und seine Wirkungsweise macht Sie zum Mitglied der menschlichen Familie. Ihr Gefühl, der menschlichen Kultur anzugehören, stützt sich zum Teil darauf, dass Sie Ihren Körper und seine Funktionen beherrschen.
Wenn Sie die Kontrolle über eine Funktion wie den Toilettenbesuch verlieren, werden Sie sich eine Zeit lang als Außenseiter fühlen. Der Verlust einer Körperfunktion scheint Sie gewissermaßen von Ihrem sozialen Umfeld zu trennen.
Menschen kommen als hilflose Wesen zur Welt, die in den ersten Jahren nach der Geburt erst noch lernen müssen, ihre Körperfunktionen zu beherrschen.
Als Kind haben Sie gelernt, zur Toilette zu gehen. Nun müssen Sie umdenken. Mit einer Ileo- oder Colostomieversorgung verliert man die Kontrolle über den Stuhlgang, mit einer Urostomieversorgung die übers Wasser lassen. Sie müssen lernen, dies künftig Ihrer Stomaversorgung zu überlassen. Mit dem Kontrollverlust scheint eine Einschränkung des Erwachsenenstatus einherzugehen.
Diese einschneidende Veränderung sowie die dadurch eingeschränkte Beherrschung Ihres Körpers wird Ihr Bewusstsein für einige Zeit prägen.
Das vollständige bzw. teilweise Entfernen des Darms oder der Blase ist ein großer Eingriff, der ebenso wie das Anlegen der Stomaversorgung eine für das weitere Leben kritische Wende darstellt.
Die Stomaoperation ändert nicht nur Ihre natürliche Darm- bzw. Blasenfunktion, sie greift auch in Ihre Privatsphäre ein, wo grundlegende Bedürfnisse nicht mehr nur Ihre eigene Angelegenheit sind. Sie beeinflusst, besonders in der ersten Zeit, Ihre Selbstauffassung, Ihre sozialen Beziehungen und gibt Ihnen das Gefühl des Andersseins.
Ein großer Eingriff wie die Stomaoperation hinterlässt tiefe Wunden und bereitet Schmerzen. Moderne Medikamente lindern Schmerzen zwar sehr wirksam, Sie werden sich unmittelbar nach der Operation aber dennoch nicht besonders wohl fühlen.
Die Veränderungen in Ihrem Körper werden sich in Unbehagen und Zerschlagenheit äußern. Hinzu kommen vorübergehende Orientierungsprobleme, die mit den Schmerzmitteln einhergehen: Sie fühlen sich von Ihrer Umwelt und Ihrem sozialen Umfeld abgeschnitten, leben in Ihrer eigenen Welt.
Mit der Zeit beginnen Sie, sich wieder mehr und mehr für Ihre Umwelt zu interessieren. Viele Ihrer Gedanken werden vermutlich um das Stoma kreisen, wie es aussieht, wie es sich anfühlt.
Zu diesem Zeitpunkt ist Ihr Stoma immer noch geschwollen und wundrot. Ihre Ausscheidung erfolgt noch sehr unregelmäßig und mit einiger Geruchsentwicklung. Ihnen wird endgültig klar, dass sich Ihr Körper verändert hat.
Aber die Schwellung und Rötung werden abnehmen, und Sie werden Ihr Stoma in den Griff bekommen.
In Ihren menschlichen Beziehungen sind Sie durch ein Stoma weder besonders beeinträchtigt noch benachteiligt.
Im Partnerschaftsbereich bringt die Operation für die Mehrzahl der Stomaträger keine Änderungen mit sich, ob es sich nun um Lebenspartner oder wechselnde Partner handelt. Liebe und Partnerschaft sind nur selten durch den Körper und sein äußeres Erscheinungsbild bestimmt.
Dennoch werden Sie vermutlich Zeit brauchen, um Ihre Sorgen und Ängste im Umfeld der Operation innerlich zu verarbeiten.
Sie werden sich auch über Ihre Sexualität Gedanken machen. Falls Sie nach der Operation Probleme feststellen, lassen Sie sich beraten und helfen, um diese Schwierigkeiten zu überwinden.
Sicher werden Sie sich auch fragen, wie sich die Stomaversorgung auf Ihre Attraktivität auswirkt und wie Sie gegebenenfalls einen neuen Partner einweihen. Unsere Attraktivität wird jedoch auch in sexueller Hinsicht nicht nur vom Körper beeinflusst – Persönlichkeit, Witz und Geist, Humor und viele andere Dinge spielen eine ebenso große Rolle.
Anfangs mag es Ihnen schwer fallen, dies zu glauben und danach zu handeln. Hier können Ihnen die Erfahrungen anderer Menschen sowie Gespräche mit Ihrem Arzt oder Stomatherapeuten helfen, Ihre neue Situation erfolgreich zu bewältigen.
Im Alltag sind wir in vielfältiger Weise durch unsere physische Umwelt eingeschränkt. Noch bedeutender sind die Einschränkungen, die wir durch unser soziales Umfeld erfahren. Dieses besteht aus intimen, regelmäßigen sowie eher zufälligen Kontakten. In diesen Beziehungen und Begegnungen entwickeln wir u. a. auch unser Körpergefühl, unsere Sorgen und Ängste, z. B. über die im Zuge einer Stomaoperation entstehenden körperlichen Veränderungen.
In Ihrem Bekanntenkreis gibt es Menschen, die über Ihre Krankheit, Operation und Erholung auf dem Laufenden sind. Andere kennen keine Details, haben Sie aber eine Weile nicht gesehen und stellen Fragen. Einige aus purer Neugier, andere aus aufrichtigem Interesse. Wie auch immer, Sie können Ihren Mitmenschen nicht aus dem Weg gehen und werden sich Gedanken machen, wie Sie ihnen begegnen, was Sie ihnen sagen.
Bereiten Sie sich auf die erste Begegnung mit Bekannten vor, indem Sie mögliche Fragen und Antworten durchspielen. Sie müssen ja nicht direkt jedem alles erzählen. Entscheiden Sie, was und wieviel Sie wem anvertrauen möchten. Enge Vertraute sind vermutlich bereits eingeweiht, weshalb Sie sich ihnen gegenüber öffnen können. Wie Sie den übrigen Bekanntenkreis informieren, liegt ganz bei Ihnen.
Ihre Sorgen und Ängste können starke Reaktionen auslösen. Es ist nicht ungewöhnlich,wenn Sie sich niedergeschlagen und traurig fühlen und einfach nur weinen möchten. All das sind normale Reaktionen, wobei es immer von Vorteil ist, Gefühle zu äußern und auf diese Weise zu verarbeiten. Sobald Sie all diese Änderungen und Gefühle verdaut haben, können Sie beginnen, wieder nach vorn zu schauen.